Artikel gyn 1/2020 Seite 67

Titel:
Auf ein Wort: Was GynäkologInnen über Tätowierungen wissen sollten – umweltmedizinische, endokrinologische und immunologische Aspekte
Zusammenfassung:
Heutzutage gibt es immer mehr Menschen mit Tattoos. Eine Reihe neuerer wissenschaftlicher Publikationen zeigt, dass so manche(r) durch die Tätowierung im Laufe ihres/seines Lebens gesundheitliche Probleme zu erwarten hat. Alle Tätowierten haben während und nach dem Eingriff eine Reihe von Primärreaktionen – vor allem Schmerzen, Entzündungsreaktionen und Schwellungen. Bei den meisten Tätowierten verschwinden diese Primärreaktionen nach Tagen oder Wochen. Sie sind dann zunächst beschwerdefrei. Bei vielen Tätowierten können sich jedoch nach Wochen, Monaten, Jahren und Jahrzehnten Sekundärreaktionen einstellen. Es kann zu Lymphadenopathien, nodulären inflammatorischen Gewebsereaktionen, Verkapselungen und Tumoren kommen. Ursachen können körperfremde, allergene und toxische Gemische aus anorganischen und organischen Pigmenten, Trägerflüssigkeiten, Substanzen zur Viskositätseinstellung, Konservierungsstoffe, Lösungsmittel, Schwermetalle wie Nickel, Blei, Arsen, Cadmium, Leichtmetalle wie Aluminium und diverse Verunreinigungen sein. In unserer gynäkologischen Sprechstunde sehen wir zunehmend Patientinnen mit Tätowierungen im Genitale und in der Unterbauchregion. Wir haben den Eindruck, dass diese Patientinnen überdurchschnittlich häufiger an gynäkologischen Erkrankungen leiden. Studien zu einer möglichen Kausalität sind notwendig. Es gibt Hinweise, dass Farbpigmente aus Tätowierungen im weiblichen Genitalbereich unter anderem zu inguinofemoralen Lymphadenopathien führen können, auch wird möglicherweise das Wachstum von squamösen Vulvakarzinomen gefördert. Unter Umständen können die Farbpigment-Gemische mit Schwermetallen, Aluminium, Schadstoffen und Kanzerogenen aus Tätowierungen in Mammae und Axillae auch – direkt oder indirekt – Mammakarzinome fördern. Es gibt Hinweise, dass Farbpigment-Gemische auch die Mammakarzinom-Präventions- und -Rezidiv-Diagnostik erschweren können. Vor allem schwarze Farben enthalten oft Phthalate, insbesondere Dibuthyl-Phthalate (DBP) sowie auch diverse kanzerogene polyzyklische aromatische Verbindungen. Gelangen Phthalate und Schwermetalle aus Tätowierungen permanent in den Organismus, kann es zu kanzerogenen, teratogenen und endokrinologisch wirksamen Effekten kommen. Phthalate und Schwermetalle aus Tätowierungen können endokrine Regelkreise stören. Vor allem die Schilddrüse scheint besonders empfindlich auf Phthalate zu reagieren. Phthalate und Schwermetalle können auch die Fertilität beeinträchtigen, unter anderem indem sie die Spermien-DNA verändern. Die potenzielle Kanzerogenität Phthalat-haltiger Tätowierungen kann bei gleichzeitiger Anwesenheit weiterer Endokriner Disruptoren, wie zum Beispiel von Schwermetallen (Blei, Quecksilber, Cadmium, Arsen, Thallium etc.) und Leichtmetallen (Aluminium) potenziert werden. Eine allgemeine sowie gynäkologische Anamnese und Untersuchung sowie anschließende gezielte individuelle Laboruntersuchungen sollten durchgeführt werden. Bisher gibt es für die Therapie von Lymphadenopathien durch Farbpigment-Gemische keine Leitlinien und keine standardisierte Therapie. Mögliche Therapieoptionen sind Stärkung des Immunsystems, Metallentgiftung und Aminosäureinfusionen. Wir stellen die Verfahren in diesem Artikel auf der Basis unserer Erfahrungen dar.
Zusammenfassung englisch:
Today, there are more and more people with tattoos. A number of recent scientific publications have shown that some who have tattooed themselves can expect health problems through tattooing throughout their lives. All tattooed people have a number of primary reactions during and after the procedure – especially pain, inflammatory reactions and swelling. For most tattooed individuals, these primary reactions disappear after days or weeks. They are then free of complaints at first. However, many tattooed people may experience secondary reactions after weeks, months, years and decades. It can lead to lymphadenopathies, nodular inflammatory tissue reactions, encapsulations and tumors. Causes may be exogenous, allergenic and toxic mixtures of inorganic and organic pigments, carrier liquids, viscosity adjusting substances, preservatives, solvents, heavy metals such as nickel, lead, arsenic, cadmium, light metals such as aluminum and various impurities. In our gynecological consultations, we increasingly see patients with tattoos in the genitals and in the lower abdomen region. We have the impression that these patients are more likely to suffer from gynecological problems. Studies on a possible causality are necessary. There are indications that color pigments from tattoos in the female genital area may cause, inter alia, inguinal hemorrhagic lymphadenopathies, and may also promote the growth of squamous vulvar carcinomas. Under certain circumstances, the color pigment mixtures with heavy metals, aluminum, pollutants and carcinogens from tattoos in mamma and axillae may also promote, directly or indirectly, breast cancers. There are indications that color pigment mixtures can also make breast cancer prevention and diagnosis more difficult. Black colors in particular often contain phthalates, in particular dibutyl phthalates (DBP) as well as various carcinogenic polycyclic aromatic compounds. If phthalates and heavy metals from tattoos permanently enter the organism, carcinogenic, teratogenic and endocrinological effects may occur. Phthalates and heavy metals from tattoos may interfere with endocrine control circuits. Especially the thyroid appears to be particularly sensitive to phthalates. Phthalates and heavy metals may also impair fertility, inter alis by changing sperm DNA. The potential carcinogenicity of phthalate-containing tattoos can be potentiated in the simultaneous presence of other endocrine disruptors, such as heavy metals (lead, mercury, cadmium, arsenic, thallium, etc.) and light metals (aluminum). The detailed general and gynecological history and examination as well as subsequent targeted individual laboratory examinations should be carried out. So far, there are no guidelines and no standardized therapy for the treatment of lymphadenopathies by color pigment mixtures. Possible therapeutic options are strengthening the immune system, decontamination of teal and infusion of amino acids. We explain in this article the procedure on the basis of our experience.
Autoren:
Claus Schulte-Uebbing, Ingrid Gerhard, John G. Ionescu, Liana Antal, Alin Bodog, Ioan Doru Craiut
Schlüsselwörter:
Tätowierung, Nebenwirkungen
Schlüsselwörter englisch:
tattoo, side effects